Twitter in der Parteienkommunikation
Fast drei Jahre nach dem Start von Twitter ist der Microblogging-Dienst mittlerweile auch in Deutschland zu einem wichtigen und anerkannten Bestandteil politscher Kommunikation geworden. Twitter vereint mit seinem Funktionsprinzip die kurze Kommunikationsform und relativ hohe Kommunikationsfrequenz der SMS oder gar des Instant Messaging mit der one-to-many-Kommunikation eines Blogs und dem Netzwerkgedanken von Social Networks.
Kein Wunder also, dass der Kurznachrichten-Dienst mittlerweile auch von fast jedem aktiven Politiker genutzt wird. Bereits im Februar 2009 twitterte jeder zehnte deutsche Bundestagabgeordnete. Für die politischen Parteien führt dies unweigerlich zu einem erhöhten Kontrollverlust und erschwert die einheitliche Organisationskommunikation. Welches Parteimitglied, was, wann öffentlich twittert, kann zwar theoretisch kontrolliert, aber praktisch nicht gesteuert werden. Ist eine Twitter-Nachricht einmal im Umlauf, ist sie quasi nicht mehr zu stoppen. Dabei kann es sich sowohl um unbedachte Statusnachrichten handeln, als auch um Tweets, deren Botschaft gezielt und bewusst für politische Zwecke verbreitet werden. Die Überlegungen der SPD, ihren Abgeordneten teilweise das twittern zu verbieten und die Twitter-Scharmützel zwischen CDU und SPD in Schleswig-Holstein verdeutlichen diese Problematik exemplarisch.
Interessant ist ein Blick auf die Twitter-Aktivitäten der Bundestagsparteien selbst, d. h. auf ihre zentralen Accounts. Identifiziert werden können diese über die Verlinkungen zwischen den jeweiligen Twitter-Accounts, Partei-Websites und den diversen Profilen in sozialen Netzwerken.
Einzige Partei, die eindeutig über keinen solchen Account verfügt, ist Die Linke. Bei der FDP gestaltet sich die Sache momentan etwas schwieriger. Auf dem neuen Portal www.liberale.de ist bei den Twitter-Profilen unter „FDP“ nur der Account von @fdp_live09 und @Beerfeltz_FDP angegeben. Schaut man sich beide Twitter-Profile einmal näher an, wird schnell klar, dass diese (zumindest bisher) keine zentralen Accounts für eine langfristige und strategische Nutzung der FDP-Bundespartei sein können. Gleiches gilt auch für @FDP_Fraktion. Auch durch die Gestaltung der Darstellung der einzelnen Twitter-Accounts auf dem Portal wird dies noch einmal deutlich. Aber zugegeben: Man könnte dies auch etwas anders auslegen – und das wird es auch häufig.
Für die deskriptive Untersuchung wurden jedoch konsequenterweise nur die Profile der CDU, SPD und der Grünen berücksichtigt. Auffällig ist, dass die Grünen mit Abstand die meisten Follower haben. Ein Grund hierfür liegt sicher mit darin, dass die Grünen fast ein ganzes Jahr vor der CDU und SPD begannen, Twitter zu nutzen. Allerdings konnten sie im Zeitraum Mai bis Juli 2009 auch mehr neue Follower gewinnen als CDU und SPD zusammen und damit ihren Vorsprung weiter ausbauen. Auch Unterschiede in der Nutzung von Twitter werden deutlich. Dass die Grünen in absoluten Zahlen die meisten Tweets veröffentlicht haben, verwundert bei der relativ langen Nutzung nicht. Berechnet auf die Tage seit der Anmeldung weisen die Grünen mit durchschnittlich 2,7 Tweets aber auch einen relativ hohen Wert auf. Nur die SPD hat mit 2,9 pro Tag einen noch höheren Wert. Die CDU liegt mit 1,4 Tweets pro Tag deutlich darunter. Insgesamt zeigen die Durchschnittswerte aber, dass alle drei Accounts recht häufig und regelmäßig genutzt werden – wobei die Anzahl der Tweets bekanntermaßen nichts über die Qualität aussagt.
Auffällig ist, dass alle Parteien so gut wie nie Retweets versenden. Die SPD hat mit rund 4 % ihrer Tweets hier noch den vergleichsweise höchsten Wert. Bei den Replies ergibt sich ein etwas anderes Bild. Rund 23 % aller Tweets der Grünen sind Replies. Bei der SPD sind es immerhin noch etwa 12 %, während die CDU mit 0 % das absolute Schlusslicht an dieser Stelle bildet. Der beachtliche Anteil an Replies bei den Grünen, aber auch bei der SPD zeigt, dass der jeweilige Twitter-Account nicht als reiner Sender gebraucht wird, sondern auch auf Tweets reagiert und mit anderen Nutzern interagiert wird. Beim CDU-Account hingegen scheint diese Dialog-Funktion überhaupt nicht genutzt zu werden. Wie es diesbezüglich bei den Direktnachrichten aussieht, kann nicht erhoben werden.
Auswertung der Twitter-Profile der CDU, SPD und B´90/Die Grünen
|
CDU |
SPD |
B´90/Die Grünen |
|
| Name |
@cdu_news |
@spdde |
@Die_Gruenen |
| Anmeldung |
09.02.2009 |
25.03.2009 |
26.04.2008 |
| Tweets |
244 |
376 |
1.255 |
| Tweets pro Tag |
1,4 |
2,9 |
2,7 |
| Replies |
0,00% |
12,2% |
22,8% |
| Retweets |
0,41% |
3,99% |
1,35% |
| Follower |
3.097 |
3.344 |
6.528 |
| Follower-Zuwachs (Mai-Juli 09) |
504 (35,1%) |
517 (41,1%) |
1075 (33,9%) |
| Friends |
751 |
1.700 |
3.899 |
| Tweets per WWW |
81,1% |
88,3% |
83,3% |
| Tweets per Smartphone/PDA |
0,0% |
0,0% |
2,4% |
| Tweets per ext. Programme/Websites |
18,9% |
11,7% |
Quelle: Eigene Datenerhebungen z. T. mit Hilfe von
http://www.twittercounter.com, http://www.tweetstats.com;
Stand: 01.08.2009
Schaut man sich die grundlegenden Funktionen und Nutzen von Twitter aus Sicht einer Partei als Organisation an, werden auch die Möglichkeiten einer effektiveren Nutzung deutlich:
- Monitoring
Die Nachrichten, Meinungen und Reaktionen von Multiplikatoren und den eigenen Parteimitgliedern müssen beobachtet und analysiert werden. Dazu muss den entsprechenden Usern gefolgt werden.
Das die Parteien vielen Leuten folgen, wird mit Blick auf die Friends deutlich. Inwieweit Twitter wirklich als Feedbackkanal und Analyse-Tool genutzt wird, ergibt sich daraus nicht.
- Agenda-Setting
Mit eigenen Tweets kann aktiv versucht werden, Neuigkeiten schnell und effektiv zu verbreiten und Themen auf Twitter zu platzieren bzw. darauf zu reagieren.
Eine bisher von den Parteien noch fast überhaupt nicht genutzte Methode ist es, die Standpunkte der Partei durch gezielte Retweets anderer passender Tweets darzustellen. Mit dieser auf Twitter völlig üblichen Vorgehensweise könnten Parteimitglieder oder Sympathisanten aktiv eingebunden und auch ihrerseits zu Retweets animiert werden. Zum zweiten wirken die Tweets im besten Falle glaubwürdiger.
- Traffic
Twitter sorgt zunehmend für Traffic auf Websites. Bei einigen Nachrichtenseiten oder Blogs kommen bereits etwa 10 % der Besucher über Twitter auf die jeweiligen Websites. Auch die Parteien können von dieser Entwicklung profitieren und durch Tweets mit Kurz-Urls Besucher direkt auf weiterführende Informationen leiten. Die Klicks können dann bei Bedarf sogar ausgewertet werden. Die SPD ist momentan übrigens die einzige Partei mit einer eigenen Short-URL.


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