re:publica 2010: Kruse Top, Jarvis Flop

In seinem Resümee des ersten Tages hat Chris Stöcker die Netzgemeinde auf der re:publica 2010 als eine zersplitternde Gemeinschaft beschrieben, die in immer mehr Punkten unterschiedlicher Meinung ist und nur noch durch das Interesse am Internet als Arbeits- und Lebensraum eine gemeinsame Basis hat. Und so wird so mancher re:publica Teilnehmer nicht mit meinen Tops und Flops übereinstimmen. Der größte Flop der re:publica 2010 war für mich Jeff Jarvis - von vielen verehrt, aber mehr als heiße Luft kam am Ende nicht dabei heraus. Jarvis dampfplauderte über die Zukunft der Menschheit, die durch die Algorithmen von Google repräsentativ widergespiegelt werde. Dass Jarvis vor allem Entertainer ist, seine Vorträge aber eher Utopien beschreiben, entlarvten die Nachfragen nach der Umsetzung der Zukunft á la Jarvis, die der US-Journalist allesamt mit Schulterzucken beantwortete. Im Verlaufe seines Vortrags erinnerte ich mich an einen älteren Tweet, der sinngemäß fragte, ob Jeff Jarvis in den USA eigentlich jemand kenne oder ob er nur ein deutsches Phänomen sei. Ob der fehlenden Substanz seines Vortrags ist diese Frage mehr als berechtigt.

Wie es besser geht, zeigte Prof. Peter Kruse von der Universität Bremen. In dem meiner Meinung nach besten Vortrag der re:publica 2010 setzte sich Kruse mit dem Verhalten von Heavy Internet Usern auseinander.  Also der gesellschaftlichen Schicht, die einen wesentlichen Teil ihrer Zeit im Internet verbringt. Unbedingt empfehlenswert, nachzulesen hier. Sachlich, präzise und mit gefühlten 10.000 Worten pro Minute kam er zu dem Ergebnis - und auch hier sei wieder an den Artikel von Chris Stöcker erinnert - dass die Heavy User in zwei Gruppen zu unterteilen seien. Zum einen die Digital Residents, die ihr Berufs- wie Privatleben selbstbestimmt im Internet zumindest organisieren oder gar ausleben. Zum anderen die Digital Visitors, die Vorbehalte beispielsweise gegenüber der Datensammelwut von Google haben und manche private oder berufliche Angelegenheit lieber über die klassischen Kommunikationskanäle klären würden, aber nichtsdestotrotz das Internet ein wesentlicher Bestandteil ihres Alltags ist. Daran zeigt sich die Heterogenität der Netzgemeinde, die ob dieser Ergebnisse wohl gar nicht mehr so genannt werden darf. Allerdings muss angefügt werden, dass man aufgrund des überschaubaren Clusters von nur 191 Befragten, leise Zweifel an der Repräsentativität der Ergebnisse hegen kann.

Eine der größten Erwartungshaltungen hatte ich an den Vortrag von Rene Gardeya über Augmented Reality und die Möglichkeiten zur Einbindung virtueller Inhalte in reale Situationen. Der anfänglich gut gefüllte Hauptsaal im Friedrichstadtpalast leerte sich innerhalb von zehn Minuten um die Hälfte und als ich nach zwanzig Minuten die Flucht ergriff, waren nur noch einige Hartgesottene anwesend, die wohl eher wegen der Gemütlichkeit der gepolsterten Saalbestuhlung verweilten. Im Gegensatz zu Prof. Peter Kruse versuchte Gardeya anscheinend, die gannze Sache zu entschleunigen und sein Thema mit einem Wort alle drei Sekunden zu präsentieren. Das allein war schon schlimm genug, aber zu allem Überfluss verfing er sich in einer schier endlosen Erklärung, was Augmented Reality überhaupt ist - vielleicht war ihm nicht bewusst, dass er auf der re:publica vor einem fachkundigen Publikum sprach und nicht auf dem Unternehmertag der IHK Castrop-Rauxel.

Sehr positiv war ich überrascht von der am Freitag gestarteten Subconference re:campaign über den Einsatz sozialer Medien für NGOs, also für karitative Zwecke oder politischen Aktivismus. Denn die vorgestellten Verhaltensanleitungen für Kampagnen von NGOs in sozialen Medien sind mehr oder minder 1:1 übertragbar auf die Online-Kommunikation von Unternehmen und Marken. Die Kernaussage des Eröffnungsredners Geert Lovink lautete, politischer Aktivismus beginne mit Engagement - der müsse allerdings über die Klick-Economy von Facebook hinausgehen, bei der durch das Anklicken eines einfachen “Gefällt mir” bereits Engagement suggeriert würde. Dies müsse um eine qualitative Komponente ergänzt werden, also zum Beispiel eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik in einem ausführlichen Kommentar, mit dem man auch andere aus seinem Netzwerk aktiviert. Zudem sollte dieses Engagement eine gewisse Nachhaltigkeit haben, also über einen einmaligen Besuch einer Gruppe oder Fan-Seite hinausgehen. Für Unternehmen und Marken heißt das beim Einsatz sozialer Medien für die Unternehmenskommunikation, diese nicht als weiteren Einweg-Kanal für das Herausposaunen ihrer Botschaften zu nutzen, sondern einen kontinuierlichen Dialog mit ihren (potenziellen) Kunden zu führen. Denn nur so können die Mitglieder sozialer Netzwerke auch als Markenbotschafter gewonnen werden. Dies hat übrigens vor allem Konsequenzen für die Evaluierung von Kampagnen in sozialen Netzwerken: Nicht die Anzahl der Follower oder Fans ist entscheidend, sondern die Qualität der geführten Dialoge. Leider lässt sich das schwer quantifizieren und daher wird diese Einsicht wohl nicht in die Marketing-Abteilungen vieler Unternehmen so schnell Eingang finden wie es nötig wäre. Wie Kampagnen on- wie offline miteinander verzahnt werden können, zeigt die Präsentation von Günter Metzges überaus anschaullich an einigen Best Practices. Metzges steht hinter der Seite campact.de, mit der politisch Interessierte für politische Aktionen gewonnen werden bzw. aus deren Mitgliederkreis Ideen zu Protesten und deren Planung entstehen. Auch hier lassen sich die Grundaussagen auf die unternehmens- und Markenkommunikation adaptieren.

Nach drei interessannten Tagen bahnen sich aktuell viele neue Ideen ihren Weg in meinen Kopf. Zu guter Letzt bleibt natürlich noch ein Dank an die Organisatoren der re:publica um Spreeblick und die newthinking commmunications zu richten. Im nächsten Jahr dürft ihr aber ruhig funktionierendes WLAN anbieten. Eine weitere Erkenntnis der drei Tage Berlin: Mit der Qype App für Android findet man fantastische Plätze zum Frühstücken und nicht minder gute Imbisssbuden mit Currywurst wie sie wohl nur Berlin zu bieten hat.