GPRA: Wege aus der Hysterie-Gesellschaft?
Ein Beitrag von Dr. Alexander Güttler, Präsident der GPRA – Deutsche Gesellschaft der Public Relations Agenturen, Düsseldorf (21. März 2011) auf PR-Journal.de
Die deutschen Kernkraftwerke sind sicher, zumindest bis vor kurzem. Dann bebte die Erde – in Japan. Jetzt schalten wir in Deutschland ganz hektisch ältere Meiler ab und sind gespannt, ob es Wählerstimmen bringt oder kostet. Da stimmt ein Land wie Deutschland im Sicherheitsrat nicht gegen ein Eingreifen in Libyen, sondern enthält sich der Stimme und schon sind auch linke Journalisten empört? Krieg als Bürgerpflicht? Oder schalten wir drei Stufen runter in der Flughöhe der Themen und schauen uns ein typisches Beispiel aus dem Internet an. In einem Gremium wird von einem prominenten Mitglied die vernichtende Kritik eines Entwurfes gepostet. Sofort springen Anhänger wie Feinde des Protagonisten in die virtuellen Schützengräben und eine Welle schaukelt sich hoch, die in einem realen Zimmer vermutlich zu einer wilden Schlägerei geführt hätte. Einen Tag später meldet sich der Autor der Vorlage, der krankheitsbedingt schändlicherweise 24 Stunden offline war, und weist darauf hin, dass die Kritik sich auf den falschen Entwurf bezieht und der aktuelle Entwurf, der allen zugesandt wurde, bereits alle diese Punkt berücksichtigt. Die Welle fällt in sich zusammen, der Protagonist entschuldigt sich und verspricht, beim nächsten Mal besser zu lesen.
Web in den Anfangszeiten von Social Media: Man schreibt etwas, ob sinnvoll oder nicht, und schickt es ab. Und dann steht es irgendwo und andere können sich damit auseinandersetzen. Das ist auf der einen Seite toll und schafft eine unerwartete Transparenz und hat, wie der Kollege Nies kürzlich hier an dieser Stelle schrieb, sicher dazu beigetragen, die revolutionären Erhebungen in Maghreb-Staaten zu begünstigen. Auf der anderen Seite hat hier auch die Stunde der Dampfplauderer geschlagen, endlos lange Kommentare, wilde Haarspaltereien um Formulierungen und doch häufig recht inhaltsleere Auseinandersetzungen. Und es klappt ja auch so toll, weil Politik oft reflexhaft reagiert. Eine Wahl steht an, was empfinden die Bürger? Dann gebt es Ihnen und möglichst schnell. Das die Manöver dabei oft plump und leicht durchschaubar sind, scheint keine Rolle zu spielen. Oder doch? Warten wir das Wochenende mit den verschiedenen Wahlen ab.
Ich habe mal gelernt, dass gründliche Recherche, tiefgehende Auseinandersetzung mit Themen und entsprechend auch das Durchhalten und Durchsetzen unangenehmer Positionen entscheidende Erfolgsparameter sind – für den Einzelnen, für ein Unternehmen und ein Stück weit auch für eine Gesellschaft als Ganzes. Wenn Journalisten aufgrund finanzieller Nöte nur noch teilweise ihren Job machen können, dann sind auch wir gefordert, für Unaufgeregtheit zu sorgen und nicht jede sich anbietende Sau durchs Dorf treiben. Beruhigend, dass das Problem nicht völlig neu ist. Schon ein alter Grieche soll einmal gesagt haben, dass die Menschen nicht durch Tatsachen zu bewegen sind und auch nicht durch Meinungen, sondern dass sie sich im Wesentlichen mit den Meinungen über die Meinungen auseinandersetzen. Das gibt Hoffnung. Wir werden also wetterwendige Politiker genauso wie die Shit-Storms des Internets Zeitalters überstehen lernen. Oder?


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